Trends und Märkte 02/19

Deus ex Machina

Rhenus testet autonome Systeme

Die Automatisierung von Prozessen hat sich längst als einer der Megatrends der Logistik 4.0 etabliert. Ob durch autonome Fahrzeuge, selbstständig arbeitende Produktionsarme oder Stapler, die von selbst Paletten im Lager heben – die immer leistungsstärkere künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt. Und sie bringt Sorgen der Mitarbeiter mit sich darüber, ob man sie überhaupt noch braucht. Doch bei Rhenus ist es anders: Hier stehen die Mitarbeiter im Vordergrund – und wie ihre Arbeit durch moderne Technologien für eine effektive Logistik erleichtert wird.

Schubmaststapler

Duden: Deus ex Machina
unerwarteter, im richtigen Moment auftauchender Helfer in einer Notlage; überraschende, unerwartete Lösung einer Schwierigkeit

Es ist Mittwoch, 15 Uhr, in einem Lager der Rhenus Warehousing Solutions in Dortmund. Zwischen den Hochregalen laufen Mitarbeiter in blauer Arbeitsjacke, bewegen mit Staplern große und kleine Kartons und blaue Kästen auf Paletten. Nur ein Stapler sticht heraus – er bewegt sich ohne Fahrer. Er weiß von selbst, welche Palette aus dem Wareneingang in welches Regal gehört. Und befördert diese sogar in Fächer in bis zu zehn Metern Höhe. Dann fährt er zurück zum Eingang, weicht vorsichtig seinen menschlichen Kollegen aus und hebt die nächste Palette an.

Intelligente Lösung für das Nadelöhr
Seit Ende Oktober 2018 ist der Schubmaster Autopilot RAE 200 von Toyota Material Handling in Dortmund im Einsatz. Mit 10,80 Metern ist er sogar der Schubmaststapler mit der höchsten Hubhöhe Deutschlands. Bis zu 20 Palettentransporte pro Stunde schafft der Stapler, täglich sogar bis zu 1.000 Ein- und Umlagerungen. Zur Sicherung der Mitarbeiter verfügt er über eine 360-Grad-Personenschutzanlage. Den richtigen Lagerort für die jeweilige Palette erkennt er mithilfe eines Vision-System-Sensors und einer Schnittstelle zum Warehouse-Management-System.

„Der Wareneingang ist das Nadelöhr des Lagers. Hier in Dortmund haben wir ein hohes Aufkommen von Vollpaletten“, erklärt David Labusek, Projektleiter Technischer Einkauf der Rhenus Contract Logistics. „Deren Lagerung in den oberen Regalen erfordert viel Geschick und Konzentration. Um unsere Mitarbeiter hierbei zu entlasten, haben wir uns für den autonomen Schubmaststapler entschieden.“

Ein Erfolgsrezept
Doch der Schubmaststapler in Dortmund ist keinesfalls der erste seiner Art. David Labusek und Ralf Markwart, Leiter der Technischen Abteilung für den Einkauf von Flurförderfahrzeugen bei Rhenus Contract Logistics, sind verantwortlich für die Entwicklung und Umsetzung dieser innovativen Technik. Ihr erstes Projekt für ein fahrerloses Transportsystem war ein Autonomously Guided Vehicle (AGV) von Jungheinrich, das seit 2016 an einem Lagerstandort in Minden zum Einsatz kommt. Auch hier beauftragen die Mitarbeiter das AGV über das Transport-Management-System am Wareneingang. Von dort fährt es die Ware zum Übergabepunkt am Hochregallager. Dabei schafft das AGV sogar bis zu 230 Palettenbewegungen am Tag.

„Für den Erfolg eines solchen Projekts ist die Akzeptanz der Mitarbeiter besonders wichtig. Daher wurden sie von Anfang an eingebunden und wissen, dass die neue Technik sie bei der täglichen Arbeit unterstützt, aber keineswegs ersetzt“, bestätigt Ralf Markwart. Neben den beiden Staplern befinden sich zwei autonome Projekte im Test, fünf weitere sind geplant. Dabei handelt es sich nicht nur um Flurförderfahrzeuge, sondern auch um Reinigungs- und Außenkehrroboter.

Das Lager der Zukunft
Es gibt viele verschiedene Ansätze, um die Arbeit im Logistiklager effizienter, zeit- und kostensparender zu machen. Rhenus Warehousing Solutions gründete hierfür 2016 eine eigene Initiative, die es sich zum Ziel gesetzt hat, das Lager der Zukunft zu gestalten. „Diese Lösungen sind nicht immer unbedingt automatisiert oder digital“, erklärt Theresia Teigelkamp, Innovationsmanagerin der Rhenus Warehousing Solutions. „Jedes Lager ist anders, wir richten uns stets nach örtlichen Gegebenheiten, Kunden- und Warenanforderungen und der Arbeitsweise der Mitarbeiter.“

Kleine Helfer
Aus der Innovationsinitiative sind bereits mehrere erfolgreiche Projekte hervorgegangen. Im 50.000 Quadratmeter großen Rhenus- Lager im polnischen Swarzędz nahe Poznań werden täglich 18.000 Sendungen für den Online- und Versandhandel abgefertigt. Die täglichen Laufwege der Mitarbeiter zwischen den Regalen mit den Waren und der Packstation haben sich seit 2018 um 800 Meter pro Strecke verkürzt. Nach der Zusammenstellung befördern seitdem kleine Roboterfahrzeuge, genannt Effibots, selbstständig die Sendungen zur nächsten Station. „Durch diese Unterstützung können die Mitarbeiter Sendungen einfacher und schneller zusammenstellen“, weiß Theresia Teigelkamp.

Die Lagerprofis
In den Niederlanden wurde im April 2019 ein automatisiertes Lagersystem in Betrieb genommen. Im 60.000 Quadratmeter großen Lager in Tilburg entstand auf einer Fläche von 1.000 Quadratmetern ein Aluminiumgitter mit 21.000 Behältern. 19 Roboter übernehmen hier die Lagerung und Kommissionierung von hochwertigen Produkten für verschiedene Branchen und Kunden. Das System AutoStore von Swisslog ist mit dem Warehouse-Management-System sowie dem Transport-Management-System von Rhenus verbunden. Die Roboter stapeln die Behälter direkt übereinander und transportieren sie an drei Kommissionierplätze. So spart das AutoStore-System im Lager nicht nur Laufwege, sondern aufgrund der Kompaktheit auch Platz ein.

„Indem wir bestehende Prozesse durch moderne Technologien effizienter machen, können wir langfristig wettbewerbsfähig bleiben“, betont Theresia Teigelkamp. „Bei der Integration stellen wir immer unsere Mitarbeiter in den Fokus. Unsere Lösungen sollen dabei helfen, dass sie ihre täglichen Aufgaben noch effizienter ausüben können. Das zeigen auch andere Projekte, die wir derzeit verfolgen: Die Arbeit mit Picking-Handschuhen und Inventurdrohnen werden die Arbeit in Zukunft weiter erleichtern.“

AUTOMATISIERTER SCHUBMASTSTAPLER IN DORTMUND:
Typ: Autopilot RAE 200 von Toyota Material Handling
Spezialisierung: Hubhöhe bis zu 10,80 Metern
Einsatzort: 85.000 Quadratmeter Lagerfläche

EFFIBOTS IN POSEN:
Einsatzort: 800 Meter langer Weg zwischen Regalen und Packstation
Kapazität: bis zu 18.000 Bestellungen pro Tag
Inbetriebnahme: Juni 2018

AUTOSTORE-SYSTEM IN TILBURG:
Ausstattung: Aluminiumgitter mit 19 Robotern, zwei Zuführ- und drei Kommissionierplätzen
Kapazität: 21.000 Behälter
Spezialisierung: automatische Erkennung der Relevanz der Ware und entsprechende effiziente Lagerung im System

FAHRERLOSES TRANSPORTSYSTEM IN MINDEN:
Typ: Autonomously Guided Vehicle von Jungheinrich
Inbetriebnahme: Februar 2016
Kapazität: bis zu 230 Palettenbewegungen pro Tag

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Editorial 02/19

Das Editorial als Video

Die Welt dreht sich jeden Tag etwas schneller. Alles wird anders, alles wird neu. Auch im Hinblick auf unser Unternehmensmagazin wagen wir gern Neues. Deshalb finden Sie das Editorial von CEO Klemens Rethmann erstmals als Video online unter: www.bit.ly/KRethEdDE
Rhenus in Kürze 02/19

Rhenus Short News

Sowohl der Hafenlogistiker Cuxport als auch der Projektlogistiker Rhenus Offshore Logistics haben wichtige Projekte für Offshore-Windparks umgesetzt. Der Cuxport-Terminal diente als Umschlagsbasis für den Windpark „Deutsche Bucht“ und die Versorgung von Offshore-Plattformen mit Hafen- und Containerlogistik, Verzollung sowie Entsorgung. Rhenus Offshore Logistics gewann die Ausschreibung für die Versorgungslogistik der Umspannplattform BorWin gamma. Dazu gehören unter anderem die Koordination aller Logistikaktivitäten, Lagerung, Be- und Entladung sowie Ladungssicherung.
Titelthema 02/19

Zwischen Tradition und Zukunft

Kontinuität ist einer der fünf zentralen Unternehmenswerte der Rhenus-Gruppe. Logistikströme verändern sich andauernd und immer schneller. Technische Innovationen schaffen neue Rahmenbedingungen und Lösungswege. Dabei nicht nur mitzuhalten, sondern voranzugehen und den Wandel mitzugestalten, ist für Rhenus der höchste Anspruch. Der weltweit operierende Logistikdienstleister agiert hierbei in der wichtigen Balance aus Tradition und Zukunftsfähigkeit.
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Im Gleichgewicht

Sie gehören zu den erfahrensten Vorständen in der Rhenus-Welt: Michael Brockhaus und Michael Viefers. Der eine: versierter Kontraktlogistikspezialist. Der andere: routinierter Experte für Hafenlogistik und trimodalen Massenguttransport. Im Interview mit Astrid Unverricht sprechen sie über die Entwicklung der Rhenus, den Wandel, Innovationsgeist und die Bedeutung dessen, was bleibt.
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Schnell, sicher und automatisch

In Smolensk, an der Grenze zwischen Weißrussland und Russland, betreibt Rhenus seit 2013 ein einzigartiges Zollund Logistikterminal. Hier wird nicht nur das Pilotprojekt „Grüner Zollkorridor“ für ein vereinfachtes Zollverfahren im Russland-Import entwickelt. Aktuell entsteht hier auch ein Zollabfertigungszentrum für die Chemische Industrie. Olaf Metzger, Geschäftsführer der OOO Rhenus Freight Logistics, und Carsten Hölzer, Geschäftsführer der Rhenus Freight Sales, berichten von elektronischer Zolldeklarierung und der neuen Lösung „Customs Control Tower“.
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Der Arbeitsplatz von Morgen

Das Bild vom Arbeiten am gleichen Schreibtisch mit eingestaubtem PC-Tower und Stifthalter ist schon lange out. Co-Working-Spaces, Schreibtischinseln und Laptops sind bereits heute fester Bestandteil von modernen Arbeitsplätzen. Die Bedürfnisse der Mitarbeiter nach besserer Vernetzung untereinander und einer an ihre Aufgaben angepassten Umgebung nehmen Arbeitgeber wie die Rhenus-Gruppe ernst. Daher wurde Anfang 2019 in Holzwickede ein Neubau mit Büroflächen eröffnet, die direkt auf eben diese Bedürfnisse eingehen.
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Ganz nah am Kunden

Die europäische Logistik-Leitmesse findet alle zwei Jahre in München statt und ist das wichtigste Branchenevent für alle, die mit Logistik und Transport zu tun haben. Wie bereits in den Vorjahren ließ es sich auch die Rhenus-Gruppe nicht nehmen, im Rahmen dieses Mega-Events für Interessenten und Kunden als Ansprechpartner vor Ort zu sein. Professionelle Lösungen entlang der Supply Chain, die Kundenanforderungen dabei stets fest im Blick – das ist das Kerngeschäft der Rhenus-Gruppe.
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Stettin reloaded

Stettin hat gelernt, sich immer wieder neu zu erfinden. Die Hafenstadt in Westpommern will bis 2050 ihre jüngsten Visionen von Umweltfreundlichkeit und Modernität umsetzen. Derzeit zieht die Metropolregion vor allem Online-Versandhändler an. Den steigenden Bedarf an Lagerzentren für die E-Commerce-Branche hat Rhenus schon vor vielen Jahren erkannt und 2012 ein modernes Lager in Goleniów eröffnet.
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Schöner Urlauben

Vier Jahreszeiten, Hyatt, Waldorf Astoria, Marriott, MGM, Wynn: Die Liste der renommierten Hotels und Casinos, für die Rhenus Project Logistics in den letzten Jahren tätig sein durfte, ist lang. Viele Handgriffe sind beim Neubau und bei Renovierungen von Hotels nötig, damit sich die Gäste nachher wohlfühlen. Ein Job für die Rhenus Project Logistics.
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Grüne Fahrt

Der politische Wille ist groß, der tatsächliche Einsatz von Elektrofahrzeugen auf Deutschlands Straßen allerdings noch rar. Eine Tatsache, die der Fahrzeugprovider Rhenus Trucking ändern will: Mit dem Terminalbetreiber Contargo konnte die Rhenus-Tochter einen Kunden gewinnen, der ebenfalls auf alternative Antriebe setzt. Im Frühjahr kaufte Rhenus Trucking sechs vollelektrische 40-Tonner. Eine mutige Entscheidung: Kein anderes Unternehmen hat je zuvor in Deutschland eine solche E-Truck-Flotte aufgebaut.
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Tempoverschärfung

Rhenus verdichtet Standortnetzwerk in Asien. Wachstum ist bei Rhenus in Asien aus zwei Blickwinkeln zu betrachten: Zum einen erweitert das Unternehmen sein Engagement auf dem Kontinent zum Vorteil seiner Kunden; zum anderen offeriert der Logistikdienstleister seinen Mitarbeitern Chancen, ihre Karrieren in dieser Region voranzutreiben.
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Rhenus verbindet globale Märkte

ZWEI NEUE GATEWAYS FÜR DAS RHENUS AIR & OCEAN-NETZWERK Die Luft- und Seefrachteinheiten der Rhenus sind in den vergangenen Jahren erheblich gewachsen. Kein Wunder also, dass der Logistiker 2017 in Deutschland gleich zwei neue Gateways für Sammelverkehre eröffnet hat. Das Seefrachtgateway befindet sich am Standort Hilden bei Düsseldorf, das Luftfrachtdrehkreuz in der Cargo-City-Süd am internationalen Flughafen Frankfurt am Main. In beiden Gateways werden Waren für den Im- und Export gebündelt sowie neue Frachtverbindungen entwickelt und ausgebaut.
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EU und CHN kommen sich näher

Chinas Megaprojekt, die Neue Seidenstraße einschließlich Seeweg und Landbrücke, soll den internationalen Handel zwischen Asien und Europa langfristig durch eine stärkere Infrastruktur intensivieren. Mit ihrem engverzweigten Netzwerk entlang der Seidenstraße hat sich Rhenus Air & Ocean durch jahrzehntelange Erfahrung und die Entwicklung ihrer Dienstleistungen gemeinsam mit den Kollegen der Rhenus Intermodal Systems und Rhenus Road ebenfalls auf diese Märkte spezialisiert. Insbesondere für die neuen Transportkorridore der Landbrücke hat Rhenus entsprechende Produkte entwickelt, die die Expertisen der verschiedenen Rhenus Geschäftsfelder verbindet, wie Peter Cramm, Product Manager Landbridge Europe bei Rhenus Air & Ocean N.V., und Carol Kong, Product Manager Landbridge Greater China bei Rhenus Logistics China Ltd., berichten.
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Wüstenkonvoi durch Tunesien

Schwertransporte per Lkw in der Wüste? Schwer vorstellbar, doch für die Experten von Rhenus Project Logistics kein Problem. Das Projektteam in Duisburg setzte von Juni 2016 bis Ende 2018 ein Transport-Projekt über zehn Länder und drei Kontinente um – mit einem Endspurt durch die tunesische Wüste. Für den Kunden GIE Streicher Bouchamaoui transportierte Rhenus Project Logistics insgesamt rund 450 Lkw-Ladungen in 80 Konvois für den Bau einer Aufbereitungsanlage für Erdgas im Öl- und Gasfeld Nawara, gelegen im Ghademes-Becken im äußersten Süden Tunesiens.